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D. Durchführung
Eigentlich soll die Werkstatt um 9 Uhr beginnen. Etwa
um 9.30 Uhr sind zehn der zwölf SchülerInnen anwesend, viele von ihnen haben allerdings sichtlich wenig geschlafen und viel gefeiert. Bis zu diesem Zeitpunkt führe ich Einzelgespräche und erkundige mich,
wie ihnen das Festival bisher gefällt und welche Vorerfahrungen sie eventuell bereits haben. Als zu Beginn das Wort Vorstellungsrunde fällt, reagieren etliche TeilnehmerInnen genervt und sind der
Meinung, daß es das nicht braucht. Deshalb beschließe ich
spontan, nur sehr kurz einige einleitende Worte zu sagen und gleich mit dem Aufwärmen zu beginnen. Ich wähle einige Spiele, um sie wach zu bekommen. Zu meiner Überraschung beginnt nun ein sehr motiviertes Fangspiel, das ich wesentlich länger als vorgesehen laufen lasse. Danach sind alle etwas erschöpft aber wach, so daß ich die nötige Pause nutze, um etwas zur Geschichte und Einteilung der Akrobatik und zu Sicherheitsregeln zu sagen. Im Anschluß dehnen wir uns ausführlich und beginnen mit der Rolle vorwärts, wobei gleich auffällt, daß fast alle körperlich fit sind und sich gut abrollen lassen können. In der Zwischenzeit kommen auch die letzten beiden, die sich dann selbständig warm machen und die Sicherheitshinweise vom Rest nochmals erklärt bekommen. Es folgen PartnerInnenbalanceübungen und kleine akrobatische Zweierübungen, die ich ihnen mit einer Teilnehmerin vormache und dabei die Technik genau erkläre.
Danach geht es auch auf ihren Wunsch
gleich mit großen Pyramiden weiter, an denen sehr ausdauernd und intensiv geübt wird. Nach einer gewissen Zeit sind etliche aus der Puste und der noch aktive Teil der Gruppe probiert noch kleinere
Pyramiden unter meiner Anleitung. Schließlich setzen wir uns alle auf eine Matte und machen
uns Gedanken darüber, wie wir die eben gelernten Pyramiden in eine Geschichte einbauen können. Eine Pyramide, die am Schluß relativ hoch ist und dann absichtlich zusammenstürzt, ist für zwei Mädchen, die bis dahin eher zurückhaltend sind, die Ausgangsbasis für diese Idee:
Da die Pyramide zusammenstürzt,
entsteht im folgenden eine Auseinandersetzung, warum sie zusammenbrach und wer schuld ist. Aus der einen großen Gruppe entstehen zwei konkurrierende Gruppen, die sich gegenseitig zeigen wollen, wer
besser ist. Nach der zweiten gegnerischen Pyramide merken allerdings beide Gruppen, daß beide recht gut sind und beschließen, zusammen eine letzte gemeinsame und große Pyramide zu erstellen. Wir
überlegen und entscheiden, welche Pyramiden geeignet und welche Konstellationen am besten sind und proben noch bis zur Mittagspause an den Pyramiden.
Nach der Pause arbeiten wir an der
Umsetzung der Geschichte weiter und feilen an der Präsentation, was sehr viel Spaß macht, da alle SchülerInnen schon Vorerfahrung bezüglich der Erarbeitung einer Bühnennummer haben. Ich brauche nur
einige wenige akrobatikspezifische Präsentationstips zu geben, die sehr schnell aufgenommen werden. Wir bauen noch Musik in unsere Geschichte ein. Nachdem wir die Geschichte einige Male geübt haben, sind
alle verständlicherweise recht müde. Einige probieren trotzdem immer wieder kleine Übungen mit mir aus, andere ruhen sich aus und unterhalten sich. Inzwischen haben sich auch alle von alleine
kennengelernt, die sich kennenlernen wollten.
Nachdem fast alle ca. 15 Minuten
zusammensitzen und wieder erholt sind, bringe ich einen großen Koffer mit allerhand Jongliermaterial und alle können sich an verschiedenen Geräten probieren bzw. neue Tricks dazulernen. Dieses Angebot
wird sehr rege angenommen und sorgt für Abwechslung, da Jonglieren körperlich nicht so anstrengend wie Akrobatik ist. Nach etwa einer Stunde machen wir eine Generalprobe, die sehr gut verläuft. Da
zwei TeilnehmerInnen früher gehen müssen und die Werkstatt meiner Meinung nach sehr produktiv verlief und alle sehr motiviert mitgearbeitet haben, beschließe ich zum Schluß noch etwas Neues zu zeigen und
den TeilnehmerInnen dann anzubieten, früher aufzuhören, weil der Festivalzeitplan
ziemlich straff organisiert ist. Ich zeige ihnen die Grundtechnik vom Ballonmodellieren. Dies wird sehr begeistert aufgenommen und alle haben sehr schnelle Fortschritte und Erfolge. Sie können ihre selbstgemachten Luftballontierchen mitnehmen und nehmen alle das Angebot, früher Schluß zu machen, an, so daß die Werkstatt beendet ist, nachdem wir den Treffpunkt für die abendliche Präsentation ausgemacht haben.
Die Präsentation findet in einer mit 350
Menschen vollbesetzten Bushalle statt, die extra für diesen Zweck umdekoriert wurde. Alle 18 Werkstätten zeigen an diesem Abend ihr Ergebnis. Trotz etlicher Überschreitungen der vorgegebenen Maximalzeit
von fünf Minuten ist das Publikum (fast alle beteiligten SchülerInnen) sehr begeistert und aufnahmefähig. Wir sind als Nr. 13 an der Reihe. Die TeilnehmerInnen machen sich vorher hinter dem Vorhang etwas
warm und sprechen noch einmal alles durch. Die Präsentation verläuft hervorragend, sie ist sowohl technisch fehlerfrei als auch
sehr gut gespielt und umgesetzt und erntet einen sehr großen Applaus. Danach schauen sich alle noch die restlichen Werkstätten an und treten dann nach Mitternacht den Nachhauseweg an.
Zusammen mit einer anderen Werkstattleiterin und den
TeilnehmerInnen ihrer Werkstatt (Geschichtenerzählkoffer) machen wir uns am nächsten Morgen mit einem Bus auf den Weg nach Gotha. Zwei SchülerInnen meiner Gruppe können leider nicht mitkommen, weil sie
in ihrer Schulgruppe noch üben müßten. Dem Rest stelle ich frei, ob sie in Gotha unsere Geschichte nochmals zeigen wollen, da wir sie durch den Wegfall der beiden neu überarbeiten müssen. Sie entscheiden
sich dafür und wir überlegen uns während der Fahrt die Überarbeitung der Pyramiden. In Gotha werden wir in einem Gymnasium von dem Direktor und der Theatergruppenlehrerin empfangen und zeigen nach
einmaligem Üben der neuen Variante vor ein paar willkürlich herbeigeholten Klassen unsere Geschichten. Diesmal gehen einige Kleinigkeiten schief.
Anschließend zeigt uns die sehr nette
Theatergruppe ihre Proberäume und zwei Schülerinnen der Gothaer Schule machen einen geschichtlichen Stadtrundgang an dessen Ende wir das alte Barocktheater besuchen. Nach kurzer Zeit zur
freien Verfügung fahren wir zurück nach Mühlhausen.
E. Kontrolle und Reflexion
Das von der Organisation vorgegebene Hauptziel, die
Aufführung einer Nummer passend zum Motto zu erarbeiten, wurde voll erreicht.
Sicherlich trägt das recht hohe Alter der Jugendlichen
dazu bei, das sie den dargebotenen Raum zur Eigeninitiative wahrnehmen. Sie überlegen gemeinsam mit mir, welche Übungen geeignet und welche Konstellationen sinnvoll sind und arbeiten an der praktischen
Umsetzung der Geschichte. Die Jugendlichen bewegen sich frei gestalterisch, probieren und wählen aus den mitgebrachten Angeboten aus, was ihnen am meisten Spaß macht. Sie nutzen den Platz für
problemlösendes Denken und entwickeln anhand von Fotos und Bildern eigene Pyramiden.
Die SchülerInnen signalisieren gleich zu
Beginn, als es um die Vorstellungsrunde geht, ein Verlangen nach Selbstbestimmung.
Ich wollte diesem Verhalten nicht entgegenwirken, weshalb ich in diesem Fall mein Konzept spontan und bedürfnisorientiert geändert habe. Durch die Freiheit, auch während des Probens Pausen einzulegen, wird Platz für Gespräche gelassen. Die Jugendlichen wählen ihre eigene Methode, sich gegenseitig kennenzulernen.
Die Werkstatt wird von allen Beteiligten
als sehr produktiv und sehr motiviert empfunden. Die Jugendlichen überlegen sich immer wieder neue Möglichkeiten und versuchen, sie auch umzusetzen. Es kann also durchaus von einer
Leistungsbereitschaft, die durch Begeisterung an der Sache entsteht, gesprochen werden. Die körperlichen Erschöpfungserscheinungen sind hauptsächlich dadurch bedingt,
daß sieben Stunden Akrobatik am Tag für AnfängerInnen konzentriert nicht durchzuführen sind. Deshalb stelle ich Jongliermaterial zur Verfügung, was als Abwechslung begeistert angenommen wird, bis die Motivation wieder soweit gesteigert ist, daß noch eine erfolgreiche Akrobatikprobe durchgeführt wird.
Die Geschichte entwickeln die
Jugendlichen relativ selbständig in Teamarbeit. Die entscheidende Idee kommt von zwei Mädchen, die ansonsten eher ruhig und zurückhaltend waren. Im Hinblick auf das Verhalten zwischen männlichen und
weiblichen TeilnehmerInnen ist die Atmosphäre sehr entspannt, hilfsbereit und von keinen Zwischenfällen geprägt.
Die Unpünktlichkeit beim ersten Treffen
bleibt einmalig, im Laufe des Projektes werden verbindliche Abmachungen eingehalten.
Der zweite Tag verläuft nicht so
zufriedenstellend, was aber eher organisatorisch bedingt ist und weniger mit der Gruppe an sich zusammenhängt. Daß trotz dem Fehlen zweier Gruppenmitglieder beschlossen wird, die Geschichte nochmals
aufzuführen, zeigt deutlich, daß die SchülerInnen die Sache mit viel Spaß und Engagement angehen und zudem selbstbewußt genug sind, trotz der Einschränkungen einen erneuten Auftritt zu wagen. Der Erfolg
ist nicht so überwältigend wie am Vortag. Im nachhinein kommen Überlegungen auf, ob man sich diesen Auftritt hätte sparen können.
In Anbetracht der Tatsache, daß die
Jugendlichen schon sehr selbstbewußt waren, sehe ich den geringeren Erfolg am zweiten Tag als wichtige Lernerfahrung. Es ist für Jugendliche auch nötig, nicht nur positive Erfahrungen zu sammeln, sondern
auch mit Enttäuschungen umgehen zu lernen.
Insgesamt wurden die aufgestellten Ziele
voll erreicht, dafür war es allerdings notwendig, einige kleine Änderungen des Konzeptes und des zeitlichen Ablaufes durchzuführen. Meiner Meinung nach waren diese Änderungen allerdings nicht
vorhersehbar und ich werde in einer ähnlichen Situation wieder von dem ursprünglichen Konzept ausgehen.
Der sehr erfreuliche Ablauf dieser Werkstatt ist
sicherlich auch ein Resultat der sehr guten und professionellen Organisationsarbeit dieses Festivals, die optimale Rahmenbedingungen schuf.
weiter...
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