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III. Circuspädagogik und ihre positiven Effekte
Circuspädagogik beinhaltet Elemente der Moto-, Sport-,
Spiel- und Erlebnispädagogik, und doch kann und muß Circuspädagogik, will man ihr gerecht werden, als eigenständiger Teilbereich der Pädagogik verstanden werden.
Dieser Teilbereich ist sicherlich noch sehr jung,
obwohl der Circus eine sehr alte Tradition hat. Immerhin gibt es inzwischen die ersten Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten als CircuspädagagogIn, denn die Nachfrage und auch das Angebot an
Circusaktivitäten mit Kindern und Jugendlichen nimmt ständig zu. In Deutschland gibt es etwa 150 Kinder- und Jugendcircusse, die länger als fünf Jahre bestehen. Dazu kommen Schulen, Jugendhäuser und
sonstige soziale Einrichtungen, die sich mit Circus beschäftigen und auch selbst aktiv Circus machen, sowie unzählige Workshops und andere zirzensische Angebote.
Circuspädagogik besteht aus vielen
verschiedenen Bereichen, z.B. Jonglieren, Akrobatik, Clowns, Voltigieren, Äquillibristik und Fakir.
Circuspädagogik hat gegenüber anderen
Formen pädagogischer Arbeit einen ganz erheblichen Vorteil: Am Ende der Anstrengungen steht meistens eine Aufführung, und die begeistert nicht nur die ArtistInnen, sondern auch die oft erwachsenen
ZuschauerInnen.
Circuspädagogik kann sich so nach außen
präsentieren, kann in der Öffentlichkeit zeigen, was sie leistet, und auch wenn die pädagogische Arbeit auf den ersten Blick weniger Anerkennung findet als die vorgeführten artistischen Kunststücke, so
kann Circuspädagogik doch diese Möglichkeit nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen. Für die beteiligten Kinder und Jugendlichen kann ihre Circusaktivität über den Zweck des Auftritts hinaus noch andere
Folgen haben.
- Steigerung des Selbstbewußtseins
Ein gesundes Selbstbewußtsein entwickelt sich aus einem
positiven Selbstbild. Viele Kinder haben aber das Gefühl, wenig richtig machen zu können.
Wenn die Proben beginnen, haben die
Kinder schnell die ersten Erfolgserlebnisse. Damit dies geschieht, ist es wichtig, daß der/die PädagogIn am Anfang den Kindern leichte und lösbare Aufgaben stellt, die diese nicht überfordert, um
Resignation zu vermeiden. Die Kinder und Jugendlichen erfahren, daß sie alleine beeindruckende Pyramiden bauen, über Glasscherben laufen oder eine lustige Clownnummer erfinden und inszenieren können.
Dies beeinflußt das Selbstbild und damit auch das Selbstbewußtsein positiv.
Bei artistischen Übungen läßt es sich nicht vermeiden,
ganz schnell an die eigenen Grenzen zu stoßen, und genau da liegt die Chance der Circuspädagogik. Kinder müssen sich selbst ausprobieren, ohne dabei von Erwachsenen reglementiert zu werden. Wenn Kinder
und Jugendliche aus eigener Erfahrung erkennen, wo ihre Grenzen sind, können sie diese akzeptieren. Daß diese Grenzen nicht starr sind, versteht sich von selbst. Circuspädagogik fordert dazu heraus,
diese Grenzen auch zu verändern. Circuspädagogik ermöglicht es, in einem sicheren Rahmen die eigenen Möglichkeiten auszuprobieren.
Manche Kinder fallen dadurch auf, sich
selber und ihre eigenen Fähigkeiten ständig zu überschätzen. Sie betonen, wie toll sie alles können, sind davon überzeugt, die Besten zu sein und sind nur schwer von ihrer Meinung abzubringen. Wenn
dennoch etwas mißlingt, sind prinzipiell Andere oder die speziellen Umstände Schuld an ihrem Mißerfolg. Für solche Kinder und Jugendliche ist es eine sehr sinnvolle, wenn auch anfangs manchmal harte
Erfahrung, in einem Circusprojekt an die eigenen Grenzen zu stoßen. Und hier braucht es keinen Erwachsenen, der versucht, ihnen diese aufzuzeigen, denn die drei Bälle bleiben erst nach einiger Übungszeit
jonglierend in der Luft. Hier machen sie diese Erfahrung selbständig, ohne aber damit alleingelassen zu werden, und es droht ihnen im Normalfall keine körperliche Gefahr. Eine Ausnahme bilden hier
Circusdisziplinen wie Trampolin, Feuer oder Akrobatik, wo die besondere Aufmerksamkeit des/der BetreuerIn gefragt ist, um Verletzungsrisiken weitestgehend auszuschließen.
- Förderung von Gemeinschaft und Integration
Circuspädagogische Angebote ermöglichen Lernprozesse
für die ganze Gruppe. Sozialverhalten ist hier nicht nur das Ziel, sondern Voraussetzung für eine gemeinsame Einübung und Präsentation.
Gegenseitiger Respekt wird gefördert,
wobei es Aufgabe der betreuenden Person ist, aufkommenden Konkurrenzkampf und Leistungsdruck in andere Bahnen zu lenken, indem beispielsweise Übungen unterstützt werden, die nicht allein, sondern zu
mehreren durchgeführt werden.
Eine Circusgruppe fordert aber auch das
gemeinsame Treffen von Entscheidungen (welche Tricks werden einstudiert, welche Kostüme werden getragen, welche Musik wird ausgewählt, wie soll die Nummer aufgebaut werden?) und sie bedeutet,
Verantwortung zu übernehmen. Am Gelingen der Aufführung sind alle beteiligt und jedEr AkteurIn muß einen Teil der Verantwortung übernehmen. Alle müssen an einem Strang ziehen, um schließlich gemeinsam
das Projekt Circus zu einem erfolgreichen Ziel zu führen.
Soziale Tugenden wie Fairneß,
Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme und Verläßlichkeit werden von den Kindern und Jugendlichen meist von selbst durchgesetzt, weil sie realisieren, wie wichtig diese für die erfolgreiche Gestaltung
ihrer Circusnummern sind. Dieser Aspekt wird besonders deutlich bei der Akrobatik, da diese Disziplin diese Eigenschaften sehr stark fördert.
- Vermittlung von Sinnes- und Körpererfahrungen
Die angebotenen Situationen über die eigene Bewegung
haben den besonderen Reiz des Andersartigen. Dies kann sensibel machen für die eigenen Stärken und Schwächen und Körperwahrnehmungen intensivieren. Das Gefühl, auf einem Einrad zu fahren, anstatt wie
gewohnt zwei Räder für die Balance zur Verfügung zu haben, stellt z.B. eine völlig neue Balanceerfahrung dar.
Durch die unterschiedlichen
Bewegungserfahrungen, die nicht, wie häufig im Schulsportunterricht, eindimensional auf Schnelligkeit oder auf Weite ausgerichtet sind, lernen Kinder und Jugendliche ihren Körper anders kennen und können
eine Verbesserung ihrer körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten erzielen. Das Clownspiel ist beispielsweise ein Bereich, der sehr stark geprägt ist durch mimisches und gestisches In-Szene-Setzen. Gefühle
werden oft nur durch minimale körperliche Veränderungen dargestellt, ohne dazu Worte zu Hilfe zu nehmen. Nur mit einer exakten Körperwahrnehmung ist dies möglich.
Lange wird auf den großen Augenblick
hingearbeitet, dann ist es endlich soweit. Wenn Kinder und Jugendliche ihre eingeübten Kindercircusnummern dem Publikum präsentieren und dafür mit einem dicken Applaus belohnt werden, verstärkt dies die
oben genannten positiven Auswirkungen:
- Mit dem konkreten Ziel eines Auftrittes vor Augen hat das Üben eine größere Wirkung. Vor allem kurz vor den
Aufführungen sind manchmal erstaunliche Entwicklungssprünge möglich (Ballreich 1999, S. 315).
- Durch den Erfolg einer Aufführung angespornt, legen die Übenden danach oft eine große Kreativität an den Tag, neue
Bewegungsabläufe werden ausgedacht, probiert und zusammen weiterentwickelt.
- Weil sich jedes Kind als Teil des gesamten Circusses erlebt, verbindet es sich viel stärker mit dem Können
der anderen. Durch das engagierte innere Mitbewegen prägt sich auch das, was die anderen zeigen, tiefer in das eigene Bewegungsempfinden ein. Es wird viel leichter, diese Bewegungen auch selbst zu
lernen. Die eigene Bewegungsfähigkeit wird dadurch enorm angeregt. (Ballreich 1999, S. 315) Auch auf die zuschauenden Kinder wirkt die Bewegungsfähigkeit, Körpergeschicklichkeit und spielende Lebendigkeit oft ansteckend. Nach einem Kindercircusauftritt kommen oft speziell kleinere Kinder, die einfach ein wenig mit den noch herumliegenden Materialien (Bälle, Diabolo etc.) spielen wollen.
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